Page 12 - Sagen aus Niederoesterreich
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Der Schlossgeist von Hinterhaus
Ober Spitz, den Eingang ins Tal der Ranna be-
wachend, hebt sich am Hang des Jauerling die
Ruine Hinterhaus. Hier saß in der zweiten Hälfte
des dreizehnten Jahrhunderts, da Rudolf von
Habsburg des Reiches Krone trug, der Kuenrin-
ger Heinrich, ob seiner Tapferkeit der Eiserne
zubenannt. Er war im Gegensatz zu seinen An-
verwandten, den bissigen Hunden, ein rechtli-
cher Mann, dem König in Treue ergeben und
ihm ein wackerer Gefolgsmann in den Kämpfen
gegen den Böhmen Ottokar.
Mindere Treue scheint Heinrich in seinem Ehe-
leben bewahrt zu haben; denn nach dem Ver-
scheiden seiner ersten Gemahlin Adelheid von
Feldsberg schritt er binnen wenigen Monaten,
ohne der Verewigten in schmerzlichem Geden-
ken ein Jahr zu weihen, zu einer zweiten Ehe.
Solche Missachtung des gebräuchlichen Trau-
erjahres wurde ihm allgemein gar sehr verübelt,
und als er selbst nicht lange darauf eines plötz-
lichen Todes verschied, erblickte man darin eine
Strafe des Himmels.
Seit der Zeit soll's in der Burg und später in der
Ruine nicht richtig sein. Viele wollen gesehen
haben, wie sich der Geist Adelheids alljährlich in
Heinrichs Todesnacht in den Fenstern zeigt... in
schneeweißem Leichengewande und winkend
mit der Totenhand ... ja, die alte Wimmerin in

